Willkommen in Chernobyl! Betreten auf eigene Gefahr!
Neben Duke Nukes Forever ist der russische Ego-Shooter Stalker wohl das am sehnlichste erwartete PC-Spiel. Nach fünfjähriger Entwicklungszeit steht der Titel nun endlich doch in den Läden. Ob Stalker: Shadow of Chernobyl trotz oder gerade wegen der ständigen Verschiebungen immer noch der erhoffte Toptitel ist, klärt unser Test.
Über die Hintergrundgeschichte von Stalker müssen eigentlich nicht mehr viele Worte verloren werden. Unter geheimnisvollen Umständen findet man sich als so genannter Stalker plötzlich in der verseuchten Zone rund um das ehemalige Atomkraftwerk in Chernobyl wieder. Nur wenige Menschen wagen sich in die gefährliche Gegend, doch der Mut wird dank wertvoller Artefakte belohnt. Die Jagd nach diesen Artefakten und weiteren Kostbarkeiten zieht ständig neue Stalker an, die zwangsläufig auch gegeneinander bekämpfen. Der eigentliche Feind sind allerdings die überall anzutreffenden Mutanten, die sich aufgrund der Strahlung aus normalen Tieren gebildet haben.
Im Hintergrund ist das Riesenrad zu erkennen, wo eine der imposantesten Szenen spielt.
Nach einer atmosphärisch gelungenen, grafisch aber leider äußerst grobkörnigen, Zwischensequenz landet man in einem der kleinen Lager, die es überall in der Zone gibt. Ähnlich wie die Städte und Dörfer in World of Warcraft sind diese Lager zentrale Anlaufstelle, um sich mit neuen Gegenständen auszurüsten oder um neue Aufträge zu erhalten. Auch wenn Stalker natürlich in erster Linie ein Ego-Shooter ist, haben die Entwickler auch einige Rollenspielaspekte eingebaut, das Inventar und erfüllbare Quests sind zwei davon. Gleich der erste Händler in einem Kellergewölbe beim Start gibt uns einige Aufträge und erklärt die grundlegenden Aspekte der Zone. Außer Quests, die für das Weiterkommen in der Story unbedingt absolviert werden müssen, gibt es zahlreiche Nebenaufgaben, die lediglich Geld und eventuell seltene Gegenstände einbringen.
Die Lichteffekte in den dunklen Gängen erzeugen mit dem Soundtrack echte Gruselstimmung.
In solchen Nebenquests soll man beispielsweise einen bestimmten Händler in einem Wald töten, eine Gegend von Mutanten befreien oder ein bestimmtes Artefakt in einem von Mutanten besetzten Bauernhof finden. Das klingt nicht nur spannend, sondern ist es auch, zumindest die ersten paar Stunden. Leider wiederholen sich die Nebenaufträge sehr schnell, so dass hier bald Routine einkehrt. Einmal hatten wir für eine Quest gerade einen anderen Stalker wie gewünscht getötete und erhielten bei der Abgabe des Auftrags bereits denselben Auftrag erneut, was wir dann aber dankenswert ablehnten. Ohnehin bringt das Absolvieren der Nebenquests eher wenig, denn auch wenn man so viel Geld einnimmt, ausgeben kann man dieses kaum einmal sinnlos. Zwar bieten die Händler etliche Waren wie Nahrung, Waffen oder Munition an, doch im Grunde findet man alles Wichtige auch bei erledigten Feinden. Das ganze Handelssystem ist daher eher überflüssig und vernachlässigbar.
Die Auswirkungen der Anomalien sind meist tödlich für den Stalker.
Deutlich spannender und einzigartiger inszeniert sind die Aufträge für die Hauptstory, mit der Zeit wird man immer tiefer in die verseuchte Zone geschickt, wo ein falscher Schritt schnell der letzte sein kann. Viel gepriesen wurde im Vorhinein die große frei begehbare Spielwelt von Stalker. Auch wenn es diese wohl gibt, hält sich die Freiheit stark in Grenzen. Denn zum einen ist die gesamte Welt in mehrere Karten aufgeteilt, beim Wechsel in eine andere Zone muss man mit einer langen Ladezeit rechnen. Allein dadurch wird der Eindruck, sich in einer großen Spielwelt im Stile der GTA-Spiele aufzuhalten, schon getrübt. Des Weiteren gibt es innerhalb der einzelnen Sektoren viele Zäune oder Absperrungen, die den Erkundungsdrang hemmen. Auch um die durch die Strahlung ausgelösten Anomalien sollte man vor allem zu Beginn des Abenteuers einen großen Bogen machen, da der eigene Schutzanzug kaum etwas aushält. Solche Anomalien kündigen sich mit kleinen Blitzen, aufkommenden Winden oder anderen hübschen Grafikeffekten an und sind sehr zahlreich.
Nicht alle Dialoge wurden leider vertont, die Schrift ist etwas klein ausgefallen.
Von der großen Freiheit bleibt letztlich daher eher wenig über, zumal man im Rahmen der Hauptstory sehr linear durch die Gegend geschickt wird. Ein großes Problem von Stalker sind die Entfernungen. Zwar kann der Held für kurze Zeit schnell laufen, doch trotzdem benötigt man schon mal einige Minuten, um von einem Ende des aktuellen Sektors zum anderen zu kommen. Diese langen Fußmärsche beginnen recht schnell zu nerven, was auch daran liegt, dass Feinde in bereits gesäuberten Gebieten plötzlich wieder auftauchen. Aber selbst ohne diese Erschwernis überlegt man sich schon sehr genau, ob es sich nun lohnt für die kleine Belohnung einer Nebenquest ganze zwei Sektoren zurück zum Auftraggeber zu laufen. Hier wäre entweder eine Schnellreisefunktion oder der Einbau von Fahrzeugen nötig gewesen. Zumindest letzteres war zwar lange für den Titel geplant, wurde schließlich aber leider von der Featureliste gestrichen, so dass die nett modellierten Autos nur zur Staffage am Wegesrand stehen. Wer sich das dadurch entstehende Problem der Entfernungen nicht vorstellen kann, sollte einfach mal nur ein GTA-Spiel vor Augen haben, in dem man alles per Pedes erledigen muss.
Weiter oben wurden bereits die Rollenspielaspekte von Stalker erwähnt, wie beispielsweise das Inventar. In diesem sammelt man alle Gegenstände, die man auf seiner Beutejagd findet. Einschränkungen gibt es weniger durch die Größe des Inventars als durch die Tragfähigkeit des Helden. Bereits bei ein paar Waffen samt Munition und einigen Erste Hilfe-Paketen läuft der Held merklich langsamer, schnell bewegt er sich dann auch gar nicht mehr vom Fleck. Für einen Shooter ist diese Art der Inventarbegrenzung sicherlich eher negativ zu bewerten, besonders in Zusammenhang mit den großen Entfernungen zu Händlern. Hinzu kommt, dass die Bedienung des Inventars sehr umständlich ausgefallen ist, Waffen muss man zwecks Munition beispielsweise jedes Mal extra leeren.
Die große Streuung erschwert das Zielen aus weiter Entfernung.
Am meisten Spaß machen die klassischen Shooter-Abschnitte in Stalker, besonders die in dunklen Höhlensystemen unter der verseuchten Zone. Die Grafik zaubert mit ihren eindrucksvollen Lichteffekten eine schön gruselige Stimmung hervor, die selbst Titel wie Doom 3 oder FEAR toppt. Ganz anders spielen sich dagegen die überwiegenden Kämpfe unter Sonnenlicht. Auch hier leistet die Grafikengine trotz ihres Alters immer noch erstaunliches, doch die Action will nicht so richtig zünden. Das liegt primär an den Waffen selbst, denn diese haben nicht nur eine extreme Streuung, vor allem in höheren Schwierigkeitsgraden erzielen die Kugeln kaum Schaden bei den Feinden. Lediglich schwer zu bewältigenden Kopfschüsse lassen einen Munition sparen. Da man somit recht häufig in den Kämpfen selbst aus der Nahdistanz vorbeischießt, fehlt den Schießereien oftmals der letzte Feinschliff und die Dynamik, sie spielen sich einfach nicht richtig rund. Hinzu kommt, dass die Feind-KI sehr wechselhaft agiert. Aus größter Entfernung entdecken sie den Stalker bereits und nehmen ihn präzise unter Beschuss, wie man es selbst nie bei der Entfernung schaffen könnte. Ist man dagegen in unmittelbarer Nähe der Gegner laufen diese schon mal stur am Stalker vorbei oder bleiben ungeschützt in der Landschaft stehen, die KI hat jedenfalls einige richtige Aussetzer, im Normalfall arbeit sie aber recht gut.
Etwas zäh ist der Einsteig des Spieles, die ersten Regionen wie ein Schrottplatz oder ein verlassenes Bahndepot machen sowohl optisch wie spielerisch eher wenig her, erst spät im Spiel kommen auch eindrucksvolle Abschnitte in einer Stadt. Das Missionsdesign hat daher immer wieder echte Highlights zu bieten, fällt zwischendurch aber ebenso stark ab. Allein deshalb ist Stalker längst nicht der erhoffte Meilenstein im Shooter-Genre. Zweifellos verstehen die russischen Entwickler ihr Handwerk, nur blitz die Genialität des Spieles zu selten wirklich auf, so dass man sich viel zu viele Gedanken um die fraglos vorhandenen Schwächen des Titels machen muss.
Die Mutanten sind nicht gerade sonderlich hübsch.
Trotz der langen Entwicklungszeit hätte es auf jeden Fall in fast allen Bereichen noch Luft nach oben gegeben, auch die Story wird letztlich eher langweilig erzählt, auf die wenigen Rollenspielaspekte hätten die Entwickler lieber gleich komplett verzichten und sich lieber auf den Shooterpart konzentrieren sollen. Zu allem Überfluss hat Stalker auch noch einige Bugs aufzuweisen, Texte werde nicht komplett angezeigt oder nicht in das an sich praktische PDA übernommen. Außerdem läuft das Spiel nicht vernünftig unter Windows Vista, bei jedem Speichern oder Wechsel ins Menü landet man in 80% der Fälle wieder auf dem Desktop. Unter XP läuft das Spiel dagegen auch von der Performance spürbar besser, einige Soundbugs und die Mängel beim Gameplay bleiben jedoch. Neben der Solokampagne, die einen je nach Spielweise etwa 15-20 Stunden beschäftigt, bietet Stalker auch noch einen Mehrspielermodus mit drei verschiedenen Spielmodi. Hier zeigt sich der Shooter allerdings weniger innovativ.
86%
Die Grafik-Engine hat schon einige Jahre auf dem Buckel, das sieht man einigen Effekten und Texturen auch durchaus an, dennoch ist der Gesamteindruck äußerst stimmig. Die Spielwelt um das ehemalige Atomlager wird sehr beeindruckend dargestellt, vor allem die Vegetation und die Licht- bzw. Wettereffekte sehen absolut klasse aus. Etwas detaillierter hätten freilich die Mutanten und einige Feinde werden können, zudem sind die Ladezeiten auch bei 2 GB Hauptspeicher nicht ohne.
75%
Leider wurden nicht alle Gespräche mit anderen Stalkern oder Händlern vertont, oftmals muss man sich die Texte selbst mühsam durchlesen, was aufgrund eines Bugs in höheren Auflösungen durch fehlende Wörter erschwert wird. Die synchronisierten Dialoge machen dafür einen klasse Eindruck, der leicht russisches Akzent der Sprecher passt hervorragend zum Szenario und wirkt nicht aufgesetzt. Die Soundeffekte sind dagegen für einen Shooter eher schwach, vor allem die Waffeneffekte klingen billig. Der Soundtrack passt sich mit leisen Tönen dem Setting aber gut an.
80%
Als Stalker erkundet man die verseuchte Zone in Chernobyl und erledigt zahlreiche Aufträge. Neben Feinden und Mutanten erschweren auch häufige Anomalien das Weiterkommen. Die Spielwelt ist zwar sehr groß, die spielerische Freiheit hält sich allerdings in Grenzen und die Wanderungen per Pedes mutieren zur Spielspaßbremse. Einige Rollenspielaspekte sollen den Ego-Shooter erweitern, wirken aber letztlich eher aufgesetzt.
76%
Die Story bleibt eher unverständlich und ist auch nicht so spannend, wie man es in diesem Szenario erwartet. Dafür sind der Großteil der Hauptaufträge abwechslungsreich und interessant, die Nebenaufträge basieren dagegen merklich auf Zufallsparametern und langweilen schnell. Auch wenn Stalker einige einzigartige Spielmomente hat, die man in so einer Intensität selten bei einem Shooter erlebt hat, überwiegen die eher langweilig designten Sektoren und Kämpfe.
pro
große Spielwelttolles Szenarioeinige interessante Spielideenviele Aufträgekomfortabler PDAtolles Atmosphäregeniale Spielmomente
contra
eingeengte Freiheitlangweilige NebenaufträgeRollenspielaspekte wirken aufgesetzt und unpassendviel Lauferei, keine Autos!Kämpfe wirken oft nicht dynamischKI mit derben AussetzernSchwierigkeitsgrad recht hochviele kleine Bugsunterstützt nicht Windows Vistalahme Storygeniale Spielmomente sind zu seltenumständliches Interface
CPU mit 2 GHz, 512 MB Ram, 128 MB Grafikkarte und 10 GB Festplattenspeicher, empfehlenswert ist auf jeden Fall eine Zweikern-CPU und eine moderne Grafikkarte mit mindestens 256 MB. Das Spiel läuft nicht zufrieden stellend unter Vista.
75%
Dem großen Hype wird Stalker leider nicht gerecht, da trotz der langen Entwicklungszeit das Spiel fast überall unfertig wirkt und das spielerische Niveau stark schwankt. Sicherlich kann man den Titel, wenn man möchte, etwas wohlwollender bewerten, da einige Szenen in Stalker wirklich einzigartig sind und zum Besten gehören, was das Shootergenre zu bieten hat. Nur sind mir diese Spielmomente einfach zu selten, so dass ich mich den Großteil der Spielzeit über die vielen kleinen Mängel ärgern muss. Würde man nur diese Szenen bewerten könnte man vom neuen Genrekönig und einer 90% Wertung reden, als Gesamtwerk enttäuscht der Titel dagegen aufgrund der im Test angesprochenen Mängel, die einzeln für sich betrachtet vielleicht noch gar nicht so schlimm sind, doch im Verbund den Spielspaß ordentlich drücken. Trotz allem ist Stalker: Shadow of Chernobyl natürlich für Shooterfans dennoch eine Empfehlung, allein den Ausflug in die verseuchte Zone und das Bewundern der Grafik sollte man sich nicht nehmen lassen. Doch nach dem ganzen Hype der letzte Jahre macht sich am Ende bei mir große Enttäuschung breit, da das Potenzial des Spieles in der fertigen Verkaufsversion bei weitem nicht ausgenutzt wird.
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