Hitman: Blood Money

Schneller, klüger, besser? Der Klon-Killer kehrt zurück!

Eine freundliche Damen flüstert durch das Telefon: „Agent 47, übernehmen Sie den Auftrag?“ „Natürlich bin ich interessiert. Schicken Sie mir alle notwendigen Informationen“, murmelt der glatzköpfige Anzugträger am anderen Ende der Leitung. Allerdings werden hier keine Zeitungsabos oder Briefmarken verkauft, in diesem Telefonat geht es um Menschenleben.

Agent 47, der todbringende Racheengel im Videospielsektor, ist zurück! In seinem mittlerweile vierten Abenteuer hat er es nicht so leicht: Was anfangs wie ein Routinejob aussieht, entpuppt sich schnell als seine gefährlichste Mission. Der glatzköpfige Auftragskiller gerät zwischen die Fronten von einem wahnsinnigen Hitman-Jäger, der versucht, 47 während seiner Missionen hinterrücks umzubringen.
 
Anders als etwa in „Hitman: Contracts“ wartet „Blood Money“ mit einer absolut eigenständigen Storyline und schön dargestellten Zwischensequenzen auf. Die wirklich gelungene Geschichte wird in einer Retrospektive im Zwiegespräch zwischen einem neugierigen Journalisten und dem besagten Hitman-Jäger Alexander Leyland Cane erzählt. Die Storyline überzeugt diesmal mit vielen eigenständigen Schauplätzen und etlichen Wendungen. Die Zeiten der langweiligen Zusammenschnitte wie etwa in „Contracts“ sind vorbei!

Die insgesamt 14 Missionen laufen grundsätzlich nach einem sehr ähnlichen Schema ab. Nach einem meist wenig aufschlussreichen Gespräch mit der Agentur-Chefin Diana Burnwood landet 47 am Ort des Geschehens. Genaue Angaben über Aufenthaltsort oder Aussehen der Zielperson liegen nur selten vor. Daher ist es auch beinahe unmöglich, eine Mission gleich im ersten Versuch zu schaffen. Vielmehr besteht der Beginn zumeist aus dem Sondieren des Terrains und dem Finden von Hinweisen. Welche Verkleidungen werden benötigt? Wo braucht 47 Schlüsselkarten und wer hat sie? Hat die Agentur vielleicht lustige Gimmicks für 47 hinterlegt? Gibt es Sicherheitslücken? Denn obwohl ein erfolgreicher Coup meist nicht länger als 20 Minuten benötigt, vergehen allein für die Vorbereitung häufig zwei Stunden. Die Speicherfunktion ist im Übrigen abhängig vom ausgewählten Schwierigkeitsgrad: Spielt man auf „Leicht“ darf jederzeit gesichert werden, wählt man hingegen „Mittel“ stehen pro Mission maximal sieben Spielstände zur Verfügung. Auf diese Weise fällt das gute Quicksave-Prinzip unter den Tisch.

Einen deutlichen Sprung haben die Bewegungsmöglichkeiten des Hitman erfahren. Agent 47 hat nun an Schlüsselstellen die Möglichkeit, die Umgebung zu seinen Vorteilen zu nutzen. So kann er geschwind Dachrinnen wie Sam Fisher empor klettern oder von einem Balkon zum nächsten hüpfen, Die Steuerung ist dabei denkbar simpel ausgefallen: Einfach auf das gewünscht Objekte zugehen und den Rest übernimmt das Programm dann allein. Ärgerlich: Oftmals kommt es beim herab klettern von Leitern zu kleineren Kameraproblemen, was besonders in hektischen Situationen sehr ungünstig ist. Außerdem gibt es keine Möglichkeit, eine Leiter schnell nach unten zu rutschen. Daher ist auch im Akrobatiksektor noch Nachholbedarf für Agent 47, gerade wenn man sich Titel wie „Splinter Cell: Chaos Theory“ anschaut.
 
Der übrige Spielablauf erinnert inzwischen allerdings eher an ein gelungenes Action-Adventure, denn an das einst in die Kritik geratene Meuchelspiel. Statt sich mit vorgehaltener Knarre durch die Levels zu ballern, muss 47 nun nämlich vermehrt das Gehirn einsetzen und versteckte Hinweise nutzen. Beispiel: In einer der ersten Missionen gilt es einen von Opern begeisterten Mafiosi, sowie den Startenor umzulegen. Ein Blick auf die Hinweiskarte verrät, dass an der Garderobe etwas hinterlegt ist. Dort angelangt, händigt der Garderobier 47 einen Anzug mit einer scharfen Luger-Pistole aus. Diese platziert er anschließend im Werkzeugkasten eines Arbeiters, damit der Blaumann die Kanone unbewusst hinter die Bühne schmuggelt – denn er wird von den Wachen nicht kontrolliert. Unser Glatzkopf überfällt in der Zwischenzeit einen anderen Handwerker während dieser Arbeit, stopft ihn in eine Kiste und nimmt sich dessen Kleidung.

Hinter der Bühne holt sich 47 die Pistole in einem unbeobachteten Moment zurück. Nun schleicht er sich in die Umkleide des Sängers, um die scharfe Waffe mit der dort liegenden Attrappe zu vertauschen. Zu Beginn des dritten Akts kraxelt der Killer auf das Gerüst über der Bühne und platziert dort eine Bombe. Als der Tenor im Theater von seinem Kollegen tatsächlich erschossen wird, stürmt der Mafiosi von seiner Tribüne aus Richtung Bühne. Agent 47 zündet die Bombe und der Schurke wird von dem herab stürzenden Kronleuchter krachend erschlagen. Alles sieht aus wie ein Unfall und der Mörder kann unerkannt entkommen.
 
Was sich hier allerdings leicht anhört, bedarf Vorbereitung und guter Auffassungsgabe. Denn nicht immer sind die Hinweise der Entwickler schlüssig oder gar logisch. Nur mit ein wenig Glück, viel Ausprobieren und noch mehr „Um die Ecke denken“ kommt man schließlich zur Lösung. Treue Dienste leistet dabei aber die schnell einblendbare Minikarte. Auf ihr sind nicht nur Hinweise und benutzbare Gegenstände mit einem dicken roten Ausrufezeichen versehen, sie zeigt auch sämtliche Bewegungen aller Personen einer Etage an. Auf diese Weise kann man Wächter und Zielpersonen auch aus einem gut gesicherten Nebenraum beobachten – praktisch, aber nicht unbedingt realistisch!

Auf der anderen Seite agieren nun die Gegner ebenfalls deutlich klüger und differenzierter: Wird man etwa mit einer Schusswaffe im Jackett ertappt, bitten die Polizisten Agent 47 zunächst die Knarre abzulegen. Erst danach zücken sie selbst den Ballermann und gehen auf die tödliche Billardkugel los. Haben sie allerdings einmal Alarm geschlagen, brennt sprichwörtlich der Baum. Sämtliche Wachleute einer gesamten Etage werden angefordert, stellenweise rückt zusätzliche Verstärkung in Fahrzeugen an. In solchen Fällen ist für den wenig resistenten Hitman ein Neustart angesagt.

Zum Abschluss jeder Mission folgt erneut eine Bewertung durch die Agentur. Wie viele Leichen wurden hinterlassen? Wie oft wurde der Hitman entdeckt? Ist er brutal oder lautlos vorgegangen? War er Axtmörder oder Sweeper? Neu: Überwachungskameras, Fernsehteams und Touristen bannen den Glatzenmann auf Fotomaterial. Wurde Agent 47 von zu vielen Zeugen auf frischer Tat ertappt, gerät er in die Schlagzeilen der Presse – inklusive Phantombild. Dadurch steigt auch sein Bekanntheitsgrad auf einer Skala von 0 bis 100. So kann es nach besonders heftigen Aufträgen vorkommen, dass die Leibwächter der Zielperson den Steckbrief von Agent 47 an der Tür kleben haben und diesen auch sofort erkennen. Die Lösung: Das für einen erfolgreichen Auftrag eingeheimste Geld wird benutzt, um Zeugen oder Polizeichefs zu bestechen. Reichen diese Maßnahmen ebenfalls nicht aus, muss eben eine teure neue Identität her. Das so genannte Notoriety-System sorgt zwar für ein wenig mehr Tiefgang, scheitert allerdings in der Ausführung. So hat man stets ausreichend Zaster auf dem Konto, um den Bekanntheitsgrad zu tilgen. Zudem verkommt das neue Feature aufgrund seiner biederen Textaufmachung schnell zur Farce. Vielleicht gelingt es den Machern von IO Interactive im nächsten Teil, dieses durchaus wünschenswerte Feature weiter auszubauen.
 
Das übrige Geld gibt der Hitman für neue Waffen und Zusatzgegenstände aus. Auch hier haben die Entwickler sicherlich einen guten Ansatz gewählt, in der Durchführung allerdings gepatzt. Viele der Gimmicks machen einfach keinen Sinn oder kosten zuviel. De facto nutzt man nur einen verschwindend kleinen Teil des Waffenarsenals. Mal ehrlich: Wer schleppt schon in einem Stealth-Spiel gerne einen schweren Koffer samt Scharfschützengewehr mit sich herum?

Grafik

80%
Die neue Grafik-Engine leistet wirklich gute Dienste. Selbst auf der „kleinen“ Playstation2 sieht „Hitman: Blood Money“ verdammt gut aus. Die Areale sind zum Teil sehr groß und werden dennoch ohne Ruckler dargestellt. Teilweise tummeln sich mehrere Hundert NPCs auf dem Bildschirm – sehr beeindruckend. Auch die überarbeiteten Zwischensequenzen wissen durchweg zu gefallen. Sehr gut!

Sound

84%
Die äußerst gelungene deutsche Sprachausgabe und ein dynamischer Soundtrack sorgen immer wieder für Atmosphäre. Die bekannten Sprecher tragen maßgeblich zu der morbiden Stimmung des gesamten Spiels bei. Die Übersetzung ist zudem ebenfalls fehlerfrei.

Gameplay

87%
Erneut liefert IO Interactive ein spitzenmäßiges Stealth-Game ab. Die vielen versteckten Hinweise erinnern schon beinahe an ein klassisches Action-Adventure. Dennoch hat man stets viele verschiedene Möglichkeiten, um eine Mission erfolgreich abzuschließen. Wer nicht schleichen will, kann auch ballern, wird es dabei aber deutlich schwerer haben als noch bei den Vorgängern. Auch wenn die Rätsel nicht immer logisch sind, verdient sich „Hitman: Blood Money“ Höchstwerte im Bereich Gameplay.

Motivation

85%
Endlich wieder eine spannende Storyline, die einen zwischen den Missionen bei der Stange hält. Obwohl das Notoriety- und das Waffen-Feature eher in die Kategorie „Gut gemeint“ gehören, macht besonders das absolut tolle Leveldesign dieses kleine Manko wieder wett.

Pro / Contra

pro

  • sehr variables Gameplay
  • gelungene Technik
  • gute Mischung aus Schleichen und Metzeln
  • praktisches Interface samt Mini-Karte
  • große Levels
  • riesiges Waffenarsenal
  • contra

  • kleinere Kameraprobleme
  • Notoriety-System nur Fassade
  • Rätsel nicht immer logisch
  • Fazit

    86%
    „Hitman: Blood Money“ hat uns absolut überzeugt. Der glatzköpfige Stealth-Mörder schleicht ähnlich behände wie sein Pendant Sam Fisher und ist dabei noch wesentlich erfinderischer. Oder wann ist Sam das letzte Mal als Clown durch die Levels gerobbt? Der schwarze Humor der Entwickler und die tollen Szenarien sorgen für 15 Stunden beinahe ungetrübten Spielspaß. Wenn im nächsten Teil dann noch das Notoriety-System richtig funktioniert, ist die Serie absolut perfekt. Kurz gesagt: „Hitman: Blood Money“ ist der bislang beste Teil der Reihe!

    Kommentare zu Hitman: Blood Money

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